Stellungnahme des Café Kollektiv Kabale zum Terror – Konzert in der G19

Am 22. Juni spielt die kalifornische Hardcore-Band Terror in der Geismar Landstraße 19 (G19) in Göttingen. Organisiert wird das Konzert von der Konzertgruppe Göttingen HardCore (GöHC). Wir, als Kollektiv im gleichen Haus, distanzieren uns von diesem Konzert. Warum, möchten wir hier kurz darlegen.

Im letzten Jahr hat die Konzertgruppe GöHC mehrere Konzerte in der G19 veranstaltet. Wir wollen betonen, dass wir nicht alle Bands, die dort spielten, gleichermaßen oder überhaupt problematisch finden. Starke Kritik haben wir allerdings insbesondere am Auftritt der Band Madball vergangenen Jahres und dem jetzt anstehenden Terror-Konzert.

keepers of the faith (Hüter des Glaubens – Selbstbezeichnung von Terror)

Die Härte, Schnelligkeit und Aggressivität des Hardcore-Punk bedeuteten in den 80er Jahren, zumindest teilweise, noch eine Zuspitzung in Bezug auf Form und Inhalt des Punk. In ihr drückte sich die Wut auf die gesellschaftlichen Verhältnisse aus. Bands wie Madball, Terror und einige andere Bands von GöHC-Konzerten stehen für uns allerdings beispielhaft für eine Strömung innerhalb des Hardcore, in der diese äußere Form zum Selbstzweck wurde und ihre ursprüngliche Bedeutung verlor. Progressive Ideen werden in dieser Stilrichtung des Hardcore durch Selbstbeweihräucherung, harte Männlichkeit und Gang-Mentalitität ersetzt. Die Ablehnung der Gesellschaft drückt sich in stumpfen Gewaltphantasien und dem Bezug zur eigenen körperlichen Stärke aus. Konformistisches Rebellentum verbunden mit ‘tough guy’-Gehabe und einem sexistischen Frauenbild ist die Folge. Das Video von Terror zu ihrem Song „Keep your mouth shut“ steht hierfür beispielhaft: Zehn Typen mit Kampfhund laufen böse durch die Gegend. Danach landen sie in einer Kneipe und feiern sich mit „ihren“ Frauen auf dem Schoß. Die Frauen werden in diesem Video nur als Objekte und Trophäen der Männer zur Schau gestellt. Kurz an der Theke mit ihnen posiert, können sich die Jungs dann am Stammtisch wieder den ‘ernsten’ Themen widmen.

Der starke und völlig unkritische Bezug dieser Bands auf die old school New York Hardcoreszene (NYHC) der 80er und 90er Jahre passt dazu – ist aber nicht weniger problematisch. Schließlich machte dieser Teil der Szene nicht selten durch nationalistische und patriotische Tendenzen, sowie sexistisches und homophobes Auftreten und gewalttätiges Verhalten auf sich aufmerksam. So sind zum Beispiel Madball die besten Freunde der Hardcore-Urgesteine und US-Patrioten von Agnostic Front, während sich Terror positiv auf die zum Teil nationalistischen und homophoben Alben von Bands wie Warzone, Stigmata und Iron Cross beziehen. Dass es natürlich auch einige NYHC-Bands gab und gibt, die diesem Bild nicht entsprechen, wollen wir hier nicht verschweigen.

blood, sweat and no tears – Der starke HC-Mann

Besonders im NYHC sowie bei den erwähnten Bands Madball und Terror sind die Geschlechterrollen klar festgelegt. Männer spielen in den Bands, Männer sind im Moshpit, die Hardcore-Crews bestehen fast ausschließlich aus Männern. Eine Reflexion darüber findet bei diesen Bands nicht statt, im Gegenteil. Hier werden hegemoniale Formen von Männlichkeit nicht hinterfragt, sondern zementiert und zelebriert. Die Texte und Videos sprechen für sich. Es geht um die Verherrlichung des starken Typen, der in der harten Realität zusammen mit seinen Blutsbrüdern, seinen Mann stehen muss. Hierzu passend wird die ganze Bandbreite archaischer Männlichkeitsstereotype bedient. Die ‘Ehre’ muss verteidigt werden, man(n) muss furchtlos sein, keinen Schritt zurück weichen – und wenn sich jemand in den Weg stellt, wird er bekämpft. Es ist schon erstaunlich, wie viele Gewaltphantasien gegenüber Andersdenkenden in den Texten dieser Bands Platz finden. Im Terror-Song „You’re caught“ heißt es dort über Leute, die nicht real sind:

„You’re just another sucker in your passing phase, I wanna slap that stupid smile right off your face“

und weiter: „Infiltrator, imitator – Stay clear of me – Weak man, weak mind“

Das Video zu „You’re caught“ ist eine stumpfe Reproduktion gewaltverherrlichender Machtphantasien mit einem Frauenbild der untersten Schublade. In Kombination mit dem Text wird auch klar, dass das Video vielleicht übertrieben dargestellt, keinesfalls aber ironisch gemeint ist.

Diese Problematik spiegelt sich auch auf einem Teil der Konzertplakate und Flyer wider – stets ähnliche Aufnahmen von grölenden Männern auf einem Haufen vor dem Sänger (z.B. das aktuelle Plakat für das Terror-Konzert).

Bereits das Plakat zur vergangenen Comeback Kid/Bane Show hat uns gestört. Unkommentiert ein Konzertplakat mit einem Frauenkörper mit Plastiktüte über dem Kopf zu verkleben, ist zumindest unangebracht. Das Plakat könnte aber auch als eine Bagatellisierung sexualisierter Gewalt gegenüber Frauen verstanden werden.

not our sounds

Nicht umsonst haben sich schon vor über zwanzig Jahren viele Hardcore-Punk Bands von dieser Stilrichtung distanziert und nicht umsonst entstand Anfang der 1990er Jahre mit den Riot Grrrls eine feministische (Gegen-) Bewegung innerhalb der Hardcore-Punk Subkultur, die sich nicht in die gängigen Rollenmuster zwängen lassen wollte und den Chauvinismus in der Szene kritisierte.

Wir sind uns bewusst, dass auch bei unseren eigenen Konzerten nicht der eigene politische Anspruch deckungsgleich auf die Künstler*innen übertragen werden kann und soll. Trotzdem gibt es Grenzen und diese sind für uns bei Terror überschritten.

Feminismus ahoi!

Café Kollektiv Kabale

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